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Vom Kind zum Kumpel
Die Rolle, die Väter in der Erziehung einnehmen, ist anders als jene der Mütter. Es fällt ihnen zum Beispiel tendenziell leichter, ihre jugendlichen Kinder in die Selbstständigkeit loszulassen, so fördern sie deren Autonomie. Sind die Kinder erwachsen, sollten sie ihnen auf Augenhöhe begegnen. Und sie hin und wieder zum Brunchen einladen.
Die Zeiten, in denen Konrad Pilz seine Kinder mühelos für einen Ausflug an den Bach begeistern konnte, sind vorbei. „Früher war das einfacher“, erinnert sich der 55-jährige Oberösterreicher. Da reichte den Kindern die Aussicht darauf, Steine ins
Wasser zu werfen, und schon zogen sie freudig mit ihm los. Heute – seine Kinder sind 12 und 14 Jahre alt – braucht er etwas mehr Überredungskunst. So ist der Lauf der Dinge. Der KMB Mitarbeiter in der Diözese Linz kennt das von seinem bereits erwachsenen Sohn, der schon auf eigenen Beinen steht. „Die Kinder werden älter, haben ihre eigenen Hobbys und werden eigenständiger in ihren Entscheidungen. Da müssen wir Eltern sie auch ziehen lassen.“ Für den Oberösterreicher ist das ein Balanceakt: seine Kinder loszulassen und als Vater gleichzeitig auf eine tragfähige Beziehung mit ihnen Wert zu legen. In die investiert er durch gemeinsame Essenszeiten. Am Wochenende findet man ihn und die Kinder auf dem Fußballplatz, mit seiner Tochter nimmt er an Laufveranstaltungen teil und nach der Arbeit ist er zum Reden da.
Väter prägen anders als Mütter
Eine Zeit lang war Konrad Pilz sogar überwiegend für die Kinderbetreuung zuständig, während seine Frau außer Haus arbeitete. „Diese Zeit war damals für mich auch herausfordernd und anstrengend. Heute sehe ich, wie wertvoll sie für die Beziehung zu meinen Kindern war und wie sehr wir jetzt davon profitieren.“
Die Erfahrungen von Konrad Pilz in seiner Familie decken sich mit dem, was die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert in ihrem neuesten Buch „Auf die Väter kommt es an“ beschreibt. Ahnert entfaltet darin die unverzichtbare Rolle, die Väter im Leben ihrer Kinder spielen, und das von Beginn an. Sind sie emotional verfügbar, bauen sie mit ihren Kindern eine sichere Bindung auf. Sie prägen – und das auf andere Weise als die Mütter. So lernen Kinder häufig von den Vätern Ausdauer und Frustrationstoleranz. Väter haben Einfluss darauf, wie Kinder
mit Stress umgehen und ihre Emotionen regulieren. Beim Toben mit dem Papa entwickeln sie ihr Körpergefühl. Welche Rolle der Vater bei der Entwicklung seines Kindes einnimmt, verändert sich im Laufe der Zeit. Genauso wie sich auch die
Beziehung zwischen Vater und Kind ändert, wenn dieses heranwächst.
Ansprechpartner für schulische und berufliche Themen
In der Pubertät können Intimität ab- und die Distanz zunehmen, beschreibt die Psychoanalytikerin Inge Seiffge-Krenke in ihrem Buch „Väter, Männer und kindliche Entwicklung“. Jugendliche kommunizieren in vielen Familien offener mit der Mutter als mit dem Vater, der bei bestimmten Themen – wie zum Beispiel körperlichen Veränderungen – eher außen vor bleibt. Dafür ist der Vater Ansprechpartner für schulische, berufliche oder politische Themen.
Die Studien, die Seiffge-Krenke in ihrem Buch zitiert, zeigen außerdem eindeutig, dass Väter in der Pubertät mit ihren Töchtern anders umgehen als mit ihren Söhnen. Der Körperkontakt wird besonders zu den Töchtern drastisch reduziert. „Väter tun sich mit dem sich verändernden Körper ihrer Töchter besonders
schwer“, sagt auch Martin Teml-Wall, Coach und Autor des Ratgeberbuches „Ent-Eltert euch!“. Sie fühlen sich bei typisch weiblichen Themen unsicher und vermeiden es, über Menstruation oder Sexualität zu sprechen.
Vorbild für Autonomie
Oft wissen Väter nicht, welche Berührungen angemessen und von ihren Töchtern erwünscht sind. Das alles hat Konsequenzen: „Töchter fühlen sich von ihren Vätern in dieser Phase mitunter im Stich gelassen. Da ist ein plötzlicher Bruch, mit dem
sie nicht umgehen können.“ Teml-Wall rät, feinfühlig auf die Signale zu achten, die die Töchter aussenden. Es sei normal, dass Jugendliche in der Pubertät zwischen Nähe und Distanz pendeln. Das Bedürfnis nach Abstand sollten Väter immer
respektieren. Aber auch jene Gelegenheiten nicht verpassen, in denen die Tochter wieder mehr Nähe sucht.
Was den Vätern dafür leichter als den Müttern fällt, ist zu akzeptieren, wenn die Jugendlichen Schritt für Schritt selbstständiger werden. Sie trauen ihren Kindern mehr zu und nehmen sie als weniger abhängig wahr als Mütter. Alleine mit dem Zug quer durch Österreich fahren? Mit Freunden eine Bergtour machen?
Warum nicht, meint der Papa. Väter mögen von ihren jugendlichen Kindern zwar tendenziell als emotional etwas distanzierter und strenger wahrgenommen werden, wie Untersuchungen zeigen. Doch gerade dadurch werden sie zum Vorbild für Autonomie. Ihre Aufgabe ist es, den Kindern Selbstvertrauen und
Mut zu vermitteln, damit diese sich in die große, weite und unsichere Welt hinauswagen.
Angst vor dem Scheitern
Zu Konflikten mit den heranwachsenden Kindern kommt es vor allem dann, wenn diese sich vom Vater nicht ernst genommen fühlen. „Für Männer ist es häufig schwierig zuzulassen, dass ihre Kinder anders denken als sie“, sagt Teml-Wall. Doch egal ob es um die Wahl eines Hobbys, der Studienrichtung oder der Partnerin geht: Väter sollten ihre eigenen Erwartungen nicht dem Kind überstülpen, sondern auf seine Interessen eingehen und bei Entscheidungen unterstützen. „Die Zeit der patriarchalen Systeme, in denen einer für die anderen alles vorgibt, ist vorbei. Und ja: Manche Väter können schwer damit umgehen,
wenn ihre Kinder ganz anders leben, als sie es gut finden.“ Nicht unbedingt, weil sie bewusst alten Zeiten nachhängen, sondern weil sie Angst davor haben, ihre Kinder könnten scheitern. Angst, Sorgen oder Stress führen dazu, dass sie Druck aufbauen und Enttäuschungen kommunizieren. Das sei kontraproduktiv,
sagt Teml-Wall. „Wichtig ist, dass Väter lernen, mit ihren Ängsten umzugehen und sie nicht in die Kinder hineinzuprojizieren.“
Recht auf Augenhöhe
Wie so viele Erwachsene ist auch Martin Teml-Wall mit dem Sprichwort vom Ei aufgewachsen, das sich nicht anmaßen soll, gescheiter ist als die Henne zu sein. Das sollte man unbedingt hinterfragen, sagt der Coach. Denn auch wenn Jugendliche und junge Erwachsene nicht notwendigerweise klüger sind als ihre
Eltern: Je älter sie werden, desto mehr Recht haben sie darauf, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet. Der dreifache Vater Konrad Pilz hat damit schon viel Erfahrung. Sein ältester Sohn steht mit 27 Jahren schon auf eigenen Beinen.
Er hat zum Teil andere Entscheidungen getroffen als sein Vater in diesem Alter. Dass junge Menschen heute in vielem anders ticken als seine Generation damals, kann der 55-Jährige gut annehmen. „Mein Sohn denkt zum Beispiel nicht vordergründig an den Erwerb eines Eigentums. Ihm sind andere Dinge wie
zum Beispiel Reisen wichtiger. Und das ist für mich okay. Es ist sein Leben.“ Pilz steht seinem Sohn zur Seite, wenn dieser Unterstützung braucht, redet ihm aber nicht drein.
Initiative ergreifen
Werden Kinder flügge oder sind bereits ausgezogen, muss die Beziehung zu ihnen neu gestaltet werden. Wie oft sieht man einander? Wie feiert man Feste wie Geburtstage oder Weihnachten? Wer ruft wen an? Und vor allem: Wie oft? In vielen Familien sind es die Mütter, die sich um die Beziehungsgestaltung mit den erwachsenen Kindern kümmern. Väter sollten diesbezüglich aber nicht immer ihren Frauen das Feld überlassen, findet Martin Teml-Wall: „Jeder ist für die Beziehung zu den Kindern selbst verantwortlich, auch die Väter.“
Für manche Männer sei das ungewohnt. Sie müssen sich Wege, mit ihren Kindern in Kontakt zu bleiben, erst erarbeiten. Das kann bedeuten, bei der Kontaktaufnahme die Initiative zu ergreifen und nicht zu warten, bis sich das Kind von sich aus meldet. Sowohl Mütter als auch Väter sollten sich fragen, welche
Vorlieben und Interessen ihre Kinder für die gemeinsam verbrachte Zeit haben. Möglicherweise ist der Kaffee am Sonntagnachmittag wenig attraktiv. Eine Einladung zum Brunch dafür umso mehr. Väter, die nicht kochen, könnten ihre Kinder ins Café oder ins Restaurant einladen. Eine Einladung sollte immer
ohne Druck ausgesprochen werden, als ehrliches Angebot, das das Kind auch ablehnen kann.
Schuld eingestehen
Und wenn die Beziehung zum erwachsenen Kind durch Fehler und Enttäuschungen in der Vergangenheit überschattet ist? „Man kann sich als Vater auch beim Kind entschuldigen“, sagt Martin Teml-Wall. Vergangenes könne man zwar nicht mehr ändern, in der Gegenwart dafür aber einiges anders machen.
Die Meinung des Sohnes akzeptieren zum Beispiel. Sich nicht in das Leben der Tochter einmischen. Sich bewusst Zeit nehmen. Für alle Väter, die in der Kindheit und Jugend ihres Kindes wenig in eine intensive Beziehung investiert haben, gibt es gute Nachrichten: Sudien aus der Hirnforschung zeigen, dass man sich auch später noch näherkommen kann. Vorausgesetzt, man investiert in eine tragfähige und verantwortungsvolle Vater-Kind-Beziehung. Dafür ist es nie zu spät.
Autorin: Sandra Lobnig