Gleichnis vom barmherzigen Vater
Predigt Vierter Fastensonntag, 30.3.2025
Perikopen: 2 Kor 5,17-21 Lk 15,1-32
Liebe Brüder und Schwestern im gemeinsamen Glauben!
Das heutige Evangelium ist uns allen von Kindheit an vertraut. Für mich ist faszinierend, dass so viele Details drinnen sind, die man meist gar nicht wahrnimmt. Ich möchte deshalb heute diese Erzählung so nach und nach beleuchten und erklären. Und vielleicht bleibt bei jedem von uns so ein Detail hängen, das uns ein wenig beschäftigt. Schon der Name des Gleichnisses ist unterschiedlich. Es ist bekannt unter „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ oder „Gleichnis vom barmherzigen Vater.“ Eine neuere Bezeichnung ist „Gleichnis von den beiden Söhnen.“ „Ein Mann hatte zwei Söhne,“ heißt es am Beginn. Diese Thematik von zwei Brüdern kommt öfters vor: Kain und Abel; Ismael und Isaak, Esau und Jakob. Auch Jesus erzählt einmal die Geschichte von zwei Brüdern. Der eine sagte Ja zum Vater und tut es dann nicht, der andere sagt Nein und erfüllt den Willen des Vaters dann doch. Zwei Brüder, wir können auch sagen zwei Schwestern, oder noch besser zwei Menschen. Wir sind letztlich immer zu zweit, oft sehr unterschiedlich, aber doch irgendwie aufeinander verwiesen. Allein geht es nicht. Der jüngere Sohn geht in ein fernes Land. Es meint die Entfernung eines Menschen vom Vater, die Entfernung des Menschen von Gott. Dort verprasst er sein Vermögen. Das griechische Wort, das hier verwendet wird „ousia“ heißt nicht nur Vermögen, sondern auch Wesen. Er vergeudet sein Wesen, er verschwendet sein Innerstes, sich selber. Er will Leben in Fülle doch am Ende ist alles verbraucht. Das Ganze ist vielleicht ein Bild des Menschen gegen Gott überhaupt und gegen alles, was irgendwie tragend ist. Diese Rebellion ist oft in der Geschichte losgebrochen, besonders stark im Jahr 1968. Es ist die Haltung: „Ich brauche keinen Gott. Ich brauche keine Kirche. Ich brauche nur mich selbst.“ Ja, am Ende bleibt nichts übrig. Die vermeintliche Freiheit hat den jüngeren Sohn unfrei gemacht. Er ist bei den Schweinen gelandet. Das Schwein galt bei den Juden als unreines Tier. Ein Mensch, der dort landet ist ein erbärmlicher Sklave. Aber jetzt beginnt die Umkehr. Weit weg von zuhause, sich selber und vollkommen fremd, dem Vater vollkommen fremd geworden „geht er in sich.“ Wie gut wäre es, wenn wir öfters einmal vollkommen in uns gehen, damit wir uns, einander und Gott nicht fremd werden. „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen.“ Der Rückweg zum Vater ist weniger ein äußerer Weg, er ist in erster Linie ein langer innerer weg, wo wahrscheinlich ein gewisser Kampf dabei war. Uns sagt es, dass die inneren Wege oft die längsten und schwierigsten sind, aber wir müssen sie gehen. Das meint übrigens Bekehrung, die inneren Wege gehen. „Der Vater sieht in von Weiten.“ Soweit können wir gar nicht davonlaufen, dass uns Gott nicht mehr im Blick hat. Er hört das Bekenntnis des Sohnes und spürt diesen inneren Weg, dem er gegangen ist. Und jetzt wird die ganze Liebe dieses Gottes zum Menschen sichtbar. Der Sohn ist ein Bild für Adam, d.h. für den Menschen überhaupt. Er wird ins Haus aufgenommen. Er bekommt das Festgewand, wörtlich das erste Gewand. Für die Kirchenväter ist dieses erste Gewand, das Gewand der göttlichen Gnade, mit dem der Sohn bekleidet wird. Wir wurden in der Taufe mit diesem Gewand bekleidet. Im alten Taufritus hieß es bei der Überreichung des Taufkleides: „Empfange des weiße Kleid und trage es unbefleckt vor den Richterstuhl Gottes.“ Eine hohe Anforderung, ganz unbefleckt werden wir es nicht schaffen, aber schauen dürfen wir uns auf dieses Kleid. Ein Fest wird ausgerichtet für den Sohn. Wir dürfen in diesem Fest die Eucharistiefeier sehen, die Gott uns immer wieder ausrichtet. Wir brauchen neue Dankbarkeit und neues Gespür, was diese Feier ist und bedeutet. Da ist uns viel verloren gegangen. Es gibt keinen adäquaten Ersatz dafür, auch, wenn uns das manche vorgaukeln. Das tiefste ist jedoch die Umarmung des Sohnes durch den Vater. Es ist ein Bild für die einschließende Liebe Gottes, die der Mensch empfängt, der sich zu Gott auf den Weg macht. Jetzt kommt noch der ältere Sohn ins Spiel. Er kommt vom Feld heim und bekommt mit, was sich daheim abspielt er ist sauer: „So viele Jahre diene ich dir, aber mir hast du nie einen Ziegenbock gegeben, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern kann.“ Der ältere Bruder, das muss man einmal sagen, weiß nichts vom inneren Weg und der Wandlung seines Bruders. Auch wir kennen die inneren Wege unserer Mitmenschen nicht, wir vermuten höchstens einiges. Der Ältere sieht nur das Unrecht. Freilich wir sollen Unrecht insgesamt nicht gut heißen, aber es gibt mehr als Unrecht. Der Ältere sieht nicht, welche Freiheit er zuhause hatte, die Freiheit des Daheimseins. Der Vater versucht es zu erklären: „Mein Kind, du bist immer beim mir und alles, was mein ist, ist auch dein.“ Der Vater erklärt dem Sohn die Größe des Kindseins. Das dürfen auch wir erkennen, die Größe, dass wir Kinder Gottes sind. Und genau an dieser Stelle bricht das Gleichnis ab. Es sagt uns nichts, wie der ältere Sohn reagiert hat. Das bleibt offen.
Es geht bei dieser Erzählung mit ihren schönen Details, liebe Brüder und Schwestern, wie wir drauf reagieren, dass wir seine Kinder sind. Ja, welche Reaktion ist angemessen, wenn der Vater uns sagt: „Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist dein, aber jetzt müssen wir doch fröhlich sein und ein Fest feiern, denn dein Bruder war tot und lebt wieder, er war verloren und ist wiedergefunden worden. Amen.