mehr bewegen
Ein väterlicher Freund und Mentor, Hans Lenk (deutscher Olympiasieger im Rudern und hochdekorierter Philosoph), meint: „Die Wichtigkeit des Sports – beginnt nach dem Sport“! In dem persönlichen Epilog des Buches „Die achte Kunst“ betont Lenk die Bedeutung von altersangepasstem Sporttreiben und Bewegung für ehemalige Leistungssportler.
Meine Generation ist mit „When I‘m Sixty-Four“ von Paul McCartney aufgewachsen, jahrzehntelang gehört, gespielt und gesungen. Bis vor Kurzem schien der Song überhaupt nichts mit der eigenen Person zu tun zu haben, Lichtjahre entfernt und für echte Oldies reserviert zu sein. Heuer war es „endlich“ so weit, ich darf nun als Betroffener mitsingen. Als Neuankömmling im Club blicke ich mich um, blicke zurück und nach vorne, und versuche, in der Gegenwart zu leben und in unterschiedlichen Dimensionen in Bewegung und neugierig zu bleiben.
Ich habe Skispringerkollegen im pensionsberechtigten Alter, die noch immer über Hundertmeter-Schanzen springen, ich bestaune sie und bin einigermaßen froh, diese Abenteuer endgültig hinter mir zu haben. Da halte ich mich lieber an den erwähnten Ruderphilosophen, der schreibt und vorlebt, wie Leistungssportler nicht nur aus körperlichen, sondern auch aus psychologischen Gründen die Kurve vom Hochleistungstraining zu einem regelmäßigen Halbtraining und schließlich zum smarten Life-Time-Sport kriegen sollten.
Im Lauf der Zeit habe auch ich andere Gewohnheiten und Vorlieben wie Skilanglauf, Fliegenfischen oder Golf entwickelt. Klingt, als hätte es nur einer Entscheidung, eines guten Neujahrvorsatzes und einer Prise „just do it“ bedurft. Nein, man wird nicht über Nacht oder nach einer „intellektuellen Niederkunft“ vom konkurrenzorientierten Spitzenperformer und Adrenalinjunkie zum bekömmlichkeitsorientierten Gesundheitsturner. Das ist mehr als ein Wunsch, mehr als eine Entscheidung, es ist ein vielschichtiger Prozess, es ist Umlernen, Abgewöhnen, Neuprogrammieren, Training im besten Sinn, bis sich irgendwann neue Gewohnheiten etablieren.
Mein nächstes Buch könnte sich diesem spannenden Themenkomplex zuwenden: Wie fange ich an, wie bleibe ich dabei, wie entstehen neue zuträgliche Gewohnheiten? Zum Beispiel auch durch bewusstes Loslassen.
So paradox es klingen mag, es sind auch die eigenen Einschränkungen, die einen beweglicher machen. Es sind Spuren alter Verletzungen, die kleinen oder größeren Behinderungen, die immer wieder daran erinnern, dass man rostet, wenn man rastet und uns nach motorischen „Trostpflastern“ und Ausgleich suchen lassen. So ist auch unsere kleine Bewegungsfibel „Die 12 Tiroler“ entstanden.
Am Anfang war der Schmerz und die zunehmende Beeinträchtigung. Beim Wühlen in der Schatzkiste meiner bewegten Erfahrungen als Athlet, Student, Sportlehrer und Trainer, durch Ausprobieren, Nachspüren und Adaptieren entstand die Serie aus zwölf, nach alpenländischen Tieren benannten Übungen. Ein feines, hochwirksames Pocket-Programm, das ohne Geräte mit geringem Platzbedarf überall im Hotelzimmer, Büro oder auch vor dem Fernseher durchgeführt werden kann und leicht zu merken ist.
In der Pandemiezeit wurde es noch einmal deutlicher, wie wichtig (gemeinsame) Bewegung und Motorik für uns Menschen sind. Die Wirkung von Bewegung kann nicht durch noch so schnelle Glasfaserverbindungen und mitreißende Computerspiele ersetzt werden und ist nicht als App herunterzuladen. Die Biologie, unser genetischer Code, will gelebt werden, damit wir ganz und gesund bleiben. Wir leben nicht nur in einer bedrohten Natur. Wir sind als biologische Wesen auch Teil dieser von uns selbst gefährdeten Natur.
Wachsendes Übergewicht und Diabetes-Typ 2 sind nur zwei wachsend bedrohliche Folgen, die den Einzelnen, die Gesellschaften und Volkswirtschaften belasten. Wir befinden uns in einer Situation, in der Wohlstandsgesellschaften dabei sind, sich den biologischen Ast, auf dem sie sitzen, gedankenlos abzusägen. Ahnungslosigkeit und Trägheit – angeheizt durch Desinformation und gesundheitsschädigende Wirtschaftskreisläufe – sind die Treiber.
Die Lebensrealität des Informationszeitalters hat noch eine Dimension draufgesetzt auf die Verdrängung der natürlichen Bewegungsanforderungen in Beruf, Freizeit und Alltag. Faszinierende virtuelle Welten vereinnahmen vor allem junge Menschen mit aller Macht. Die Abenteuer verlagern sich in die künstlichen Räume des World Wide Web, auf der Strecke bleiben Körperlichkeit, Bewegung und Persönlichkeit.
Wir haben nicht nur Körper und Motorik, wir SIND Körper! Unsere Biologie, unsere kognitive, aber eben auch unsere motorische Ausstattung, Vielseitigkeit und Lernfähigkeit sind Träger unserer spezifisch menschlichen Identität. Körperbewusstsein, Bewegungslust und motorische Geschicklichkeit sind keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern entwickeln sich in alarmierendem Rückgang rückwärts. Vielen Eltern sind die Erfahrung, das Wissen und das Gespür für diese Zusammenhänge abhanden gekommen. Sport, Bewegung, Körperbewusstsein, diese Themen werden zukünftig an Vorschulen und Schulen als Kulturtechnik, wie Lesen, Schreiben oder Rechnen vermittelt werden müssen. Bewegung ist kein „Selbstläufer“ mehr.
Mehr rund um das Thema Bewegung gibt's in Toni Innauers Buch:

Innauer, Toni (2020): Die 12 Tiroler. Bewegung von den Tieren lernen. Ziersdorf: Christian Seiler Verlag. (Bestellmöglichkeit beim Verlag | Informationen beim Autor)
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