Einführung in die Feier:
Seit 125 Jahren ist die „Soziale Frage“ offiziell Teil der kirchlichen Verkündigung. Tatsächlich ist sie seit den Anfängen des biblischen Gottesglaubens untrennbar mit der Glaubensbotschaft verbunden. „Denn wer seinen Bruder und seine Schwester, die er sieht, nicht liebt, kann Gott, den er nicht sieht, nicht lieben“ (1 Joh 4,20). Mit welchem Blick nehmen wir die Welt wahr, in der wir leben? Schauen wir in einen Spiegel, der uns nur uns selbst erkennen lässt? Oder sehen wir durch ein Fenster und nehmen auch die Wirklichkeit um uns wahr? Oft ist es nur ein wenig Silber, das unseren Blick verändert.
Kyrielied: In Ängsten die einen
Predigttext:
Ein judäischer Landwirt lässt offenkundig alles liegen und stehen, weil er sich von Gott berufen weiß. Er geht nach Norden, ins benachbarte Ausland, und beginnt dort gegen die Einflussreichen und Mächtigen zu predigen. Religiöse Feste als scheinheiliges Gehabe der Reichen, eine korrupte Oberschicht, die die Armen um ihre letzte Habe bringt: das alles ist für Amos ein sicheres Zeichen des Untergangs. Eine Gesellschaft, die sozial aus den Fugen geraten ist, kann sich auch durch noch so fromme Rituale nicht retten. Kein Wunder, dass man auf das Gerede dieses ausländischen Störefrieds nicht länger hören will. Der Hofprediger Amazja stellt Amos zur Rede und verweist ihn des Landes. Dies scheint ein probates Mittel, um sich die Probleme vom Hals zu schaffen: man bringt einfach die Kritiker zum Schweigen. Die Geschichte gibt freilich Amos Recht, denn wenig später geht das Nordreich Israel zugrunde und wird von den Assyrern erobert.
Der Gegensatz von Reich und Arm war niemals nur ein Nebenschauplatz des biblischen Glaubens. Der Evangelist Lukas schenkt diesem Thema in auffallender Weise einen sehr breiten Raum. Daraus dürfen wir schließen, dass wir es hier nicht nur mit theoretischen Überlegungen über Besitz und Reichtum zu tun haben, sondern dass diese Frage die lukanische Gemeinde immer wieder beschäftigt hat. Der reiche Kornbauer, der verlorene Sohn, sein Vater und Bruder, der ungerechte Verwalter – sie alle sind typische Gestalten des Lukas und sie alle haben mit Besitz und Reichtum zu tun. Was ihnen gemeinsam ist: sie alle tragen keinen Namen, so auch der reiche Mann des heutigen Evangeliums, der mich in seinem Auftreten und in seiner Darstellung an das Leben und Sterben des reichen Jedermann erinnert. Er lebt im Überfluss und er scheint keinen Gedanken daran zu verschwenden, warum ihm dieser Luxus geschenkt ist. Ich werde das Gefühl nicht los, dass er seinen Reichtum als eine Selbstverständlichkeit betrachtet, dass es gar nicht anders sein kann. Da kann es auch nicht verwundern, dass er keinen Blick für den Armen vor seiner Tür hat. Reichtum und Armut erscheinen als Gesetzmäßigkeiten, als Gegebenheiten, die zu verändern es keinen wirklichen Anlass gibt. Der namenlose Reiche repräsentiert eine Vorstellung von Gerechtigkeit, die das persönliche Wohl des Menschen mehr oder weniger auf Schicksal und Zufall reduziert. Er steht für ein Gesellschafts- und für ein Wirtschaftssystem, das die Unterschiede einfach hinnimmt und in dem sich der große Reichtum durch eine namenlose Anonymität auszeichnet. Briefkastenfirmen, dubiose Finanzgeschäfte, Immobilienblasen, bankrotte Banken – wir kennen das von der großen Finanzkrise des Jahres 2008. Viele, die damals ihr großes Glück gesucht haben, blieben dabei auf der Strecke. Allein – das System zeigt sich unverändert und die nächsten Bankenkrisen erscheinen schon am Horizont des Wirtschaftshimmels.
Dem namenlosen Reichen steht in der Gleichniserzählung ein Armer gegenüber, der sehr wohl einen Namen hat. Aber auch dieser Name ist Programm: Lazarus – Gott hilft. Er steht uns vor Augen als ein Vertreter all jener Menschen, um die sich niemand kümmert und denen keiner hilft. Ihnen kann nur Gott noch helfen. Er wäre zufrieden gewesen mit dem, was vom Tisch des Reichen herabfällt – ähnlich wie der „verlorene Sohn“, der „danach giert, sich den Bauch mit den Schoten zu stopfen, die die Schweine fraßen“ (Lk 15,16 – Übers. Stier). Doch während dieser einen Vater hat, der das herrschende System in seiner Barmherzigkeit radikal in Frage stellt, findet der Arme vor der Tür des Reichen niemanden, der ihn beachtet – nur die Hunde, die an seinen Geschwüren lecken.
In einem apokalyptisch gestalteten Szenario wird abgerechnet: der Arme wird in Abrahams Schoß getröstet, der Reiche leidet unsägliche Qualen in der Unterwelt. Doch was ist eigentlich die Schuld des Reichen? Ist es Sünde, sich fein zu kleiden und seinen Reichtum zu genießen? Der Bibeltext gibt keinerlei Anlass zur Spekulation, dass der reiche Mann ein gewissenloser Ausbeuter gewesen sei. Er genießt einfach seinen Reichtum. Wissentlich tut er niemandem weh. „Und doch wird über diesen Reichen das härteste, unaufhebbare Urteil gesprochen. Warum? – Weil sein Reichtum ihn blind macht für den Armen vor seines Hauses Tür. Nichts Böses ist von ihm zu berichten, als dass er über Lazarus, den Bettler, hinwegsieht, als wäre er nicht da.“ (Aurel von Jüchen, Jesus zwischen Reich und Arm, 47) In seinem ganzen Verhalten, in seiner Lebensauffassung und in seinem Weltverständnis gleicht er dem „guten Menschen am Höllentor“ von Pedro Calderon de la Barca, der sich keiner Schuld bewusst ist, weil er nichts Böses getan habe. Selbst der Teufel habe sich auf die Seite gedrückt, um mit ihm nicht in Berührung zu kommen. Ein Sprichwort bringt es auf den Punkt: Wer nichts Gutes tut, tut schon Böses genug. „Denn Blinhdeit ist Schuld, weil wir Augen haben zu sehen. Taubheit ist Schuld, weil wir Ohren haben zu hören. Gedankenträgheit ist Schuld, weil wir Verstand genug haben, die Wirklichkeit zu erkennen. Gerade diese Offenheit der Sinne und der Gedanken, die Offenheit des Herzens für die Not der anderen behindert der Reichtum.“ (Jüchen, 47)
In diesem Kontext erscheint es dann auch noch ungemein herablassend, wenn der Reiche erwartet, dass Lazarus in die Hölle kommen soll, um ihm die Zunge zu kühlen. Gemessen an den Möglichkeiten, die er zu Lebzeiten selbst gehabt hätte, ist seine Bitte geradezu bescheiden, aber nicht einmal das hat er Lazarus vor seiner Haustür vergönnt.
So aufrüttelnd die Beispielerzählung Jesu auch sein mag – vor dem Hintergrund der aktuellen Wirklichkeit erscheint sie auch als Vertröstung. Was haben die Bettler unserer Zeit von der Verheißung, dass sie nach ihrem Tod in Abrahams Schoß getröstet werden? Jesus ist sich der Möglichkeit einer solchen Interpretation durchaus bewusst. Er stellt dem Trost des Armen die Warnung der Reichen gegenüber und verweist auf die geltenden Regeln: „Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören.“ Es bedarf keiner großartigen Wunder und keiner Botschaften aus dem Totenreich. Der Blick für die Armen, das Wahrnehmen der bestehenden sozialen Unterschiede, die Parteinahme für die Unterprivilegierten und Zukurzgekommenen gehören zum grundlegenden Verständnis der Sozialordnung des Gottesvolkes. Das Bild einer ausgleichenden Gerechtigkeit im Jenseits ist ein Ausdruck dafür, wie viel an Gerechtigkeit im Diesseits noch fehlt. Was Jesus in den drastischen Gegensätzen von Trost und Höllenqualen darstellt, ist in Wirklichkeit der bohrende Stachel im Unrechtsgefüge unserer Welt. Und bevor wir wieder zu den Namenlosen aufschauen, die doch an allem Schuld sind und gegen die man ohnedies nichts machen kann, sei uns dann doch auch der Blick in die eigene Lebenswirklichkeit gestattet. Wo nehme ich Armut, Not und Elend wahr? Berührt es mich? Lasse ich mich davon berühren? Oder sehe ich darüber hinweg?
Der Psalm 49 bringt die Gesinnung auf den Punkt, die das blinde Streben nach immer Mehr ausmacht. Am Ende regt er zur Überlegung an, was dieses Streben bringt – nicht als eine Drohung vor dem Jenseits, sondern als eine Frage menschlicher Einsicht und Vernunft: „Lass dich nicht beirren, wenn einer reich wird und die Pracht seines Hauses sich mehrt; denn im Tod nimmt er das alles nicht mit, seine Pracht steigt nicht mit ihm hinab. Preist er sich im Leben auch glücklich und sagt zu sich: «Man lobt dich, weil du dir‘s wohl sein lässt», so muss er doch zur Schar seiner Väter hinab, die das Licht nie mehr erblicken. Der Mensch in Pracht, doch ohne Einsicht, er gleicht dem Vieh, das verstummt.“ (Ps 49,17-21)